Entwicklungspolitische Vision, Das Kinderheim
Die beste Entwicklungshilfe ist die, die sich überflüssig macht
Zukünftige Projekte im Heim
Heimunterbringung in der Kritik



Entwicklungspolitische Vision, Das Kinderheim

Ein Kinderheim zu unterstützen ist nicht wirklich originell, 60 Kinder sich selber zu überlassen aber auch nicht. Unser erstes Ziel war es, zunächst lediglich die Grundversorgung des Heimes zu garantieren, d.h. die Befriedigung akuter grundlegender Bedürfnisse an Nahrungsmitteln, Kleidung und Hygieneartikeln sicherzustellen.

Doch was geschieht dann? Soll es bei der Grundversorgung bleiben? Soll das Heim langfristig unterstützt werden? Was geschieht mit den Kindern, wenn sie dem Heim entwachsen sind? In welche Richtung soll sich das Heim entwickeln? Fragen, die sich an unsere Vision richten.

„Bildung für Kinder statt Kinderarbeit” ist eine Formel, die einen wesentlichen Eckpfeiler dieser Vision ausmacht. Wir leben in einer Welt, in der Bildung ausschlaggebend ist für eine gesicherte Zukunft. Dies gilt sowohl in Deutschland als auch in den ländlichen Regionen Indiens. Besonders gilt dies aber für Kinder aus gesellschaftlichen Randgruppen wie etwa Heimkinder, die ausgegrenzt und ohne familiäre Unterstützung das Leben meistern müssen. Wenn sie eine Chance haben, dem Elend eines ländlichen Tagelöhners zu entgehen, dann über den Erwerb einer möglichst guten Bildung.

Das Leitziel „Bildung für Kinder statt Kinderarbeit” steht seit Beginn unseres Engagements im Vordergrund unseres Denkens und Handelns. Schon die durch Act!orissa garantierte Grundversorgung bedeutet, dass es den Kindern ermöglicht wird, in die Schule zu gehen statt für das tägliche Überleben zu arbeiten. Diese grundlegende Bildung durch die Schule wird jedoch nicht reichen, um sie auf ihre Zukunft außerhalb des Heimes vorzubereiten und zugegebenermaßen lassen die Leistungen der Kinder in der Schule teilweise zu wünschen übrig. Um dies aufzufangen sollen Lehrer gefunden werden, die den Kindern Nachhilfe erteilen.

Bildung wird von uns allerdings nicht nur im Sinne von Schulbildung verstanden. Nähen, Körbe flechten, landwirtschaftliches Wissen, Kochen und anderes stehen auf einem erweiterten praktischen Lehrplan. Wir wollen den Kindern eine grundlegende Ausbildung in verschiedenen praktischen Bereichen ermöglichen, so dass sie später nicht vor dem finanziellen „Nichts” stehen, sondern im Idealfall das Gelernte in bare Münze umsetzen können.

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Die beste Entwicklungshilfe ist die, die sich überflüssig macht

Dies ist der zweite Eckpfeiler unserer Vision. Ein Projekt kann nicht endlos auf Finanzierungen durch weit entfernte Organisationen bauen, sondern muss versuchen, so schnell wie möglich auf eigenen Beinen zu stehen. Dies bedeutet nicht, dass wir uns aus der Verantwortung stehlen wollen, aber eine Zukunft, die allein auf der Finanzierung einer kleinen Organisation aus den Ausland aufbaut, kann keineswegs als gesichert angesehen werden.  

Wir wollen das Heim auf dem Weg in die finanzielle Selbständigkeit begleiten, in der Hoffnung, dass der Zeitpunkt kommen wird an dem uns signalisiert wird: „Wir brauchen euer Geld nicht mehr, aber wir kennen da ein anderes Projekt das Unterstützung braucht.” 

Möglichkeiten, eigene Gelder zu erwirtschaften, sehen wir vor allem in der Kombination von praktischem Lernen der Kinder und gleichzeitigem Produzieren von Produkten, die zum einen für den eigenen Gebrauch geeignet und zum anderen für den Markt bestimmt sind. Die Bewirtschaftung des großen heimeigenen Gartens ist ein Weg, durch den die Ausgaben für Nahrungsmittel verringert werden können. Näh- und Korbflechtkurse bieten Gelegenheit, Gelder zu erwirtschaften. Auch eine Anbindung an lokale Spendenorganisationen oder Sponsoren der indischen Mittelschicht sehen wir als einen Weg, zumindest mittelfristig Gelder zu erhalten.

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Zukünftige Projekte im Heim

Unsere Vision beinhaltet eine ganze Reihe von zukünftigen Projekten, die wir uns vorstellen können, in enger Absprache mit unseren Partnern vor Ort durchzuführen.

Die Finanzierung von Lehrern die den Kindern gezielt Nachhilfe geben, steht dabei für uns an erster Stelle. Dieses Vorhaben ist bereits in die Wege geleitet und wird in Kürze verwirklicht sein.

Die weiteren Bildungsvorhaben sowie die optimierte – wenn möglich – ökologische Nutzung des Gartens stellen weitere Projekte dar, die mit geringen finanziellen Mitteln verwirklicht werden können. So konnte der Garten durch den tatkräftigen Einsatz der Teilnehmer eines Workcamps urbar gemacht werden. Ein reisender Korbflechter konnte gewonnen werden, um den Kindern die Kunst des Korbflechtens beizubringen und auch mit der örtlichen Schneiderin sind erste Kontakte geknüpft worden. Wichtig ist nun, dass aus diesen Anfängen der Zusammenarbeit langfristige Projekte enstehen, die fester Bestandteil des Heimalltags werden.

Neben diesen eher inhaltlichen Vorhaben stehen einige baulichen Maßnahmen auf der Wunschliste der zukünftigen Projekte. Zur Zeit gibt es keine sanitären Einrichtungen, in den Schlafraum der Kinder regnet es hinein und die Wände sind verschimmelt. Auch wird ein Wasserreservoir oder ähnliches benötigt, wenn die Nutzung des Gartens ausgedehnt wird. Die Verwirklichung dieser Vorhaben ist noch Zukunftsmusik und in absehbarer Zeit sicherlich nicht finanzierbar. So dachten wir allerdings auch, als es hieß, es werde ein neues Küchengebäude gebraucht. Nun steht durch Zusammenwirken eines befreundeten Architekten, act!orissa e.V. und lokalen Arbeitern ein schmuckes Küchenhaus an Stelle der baufälligen Lehmküche.

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Heimunterbringung in der Kritik

Ein Kinderheim zu unterstützen ist aus entwicklungspolitischer Sicht zurecht umstritten. Das zentrale Argument dieser Kritik ist, dass Heime keine strukturelle Veränderung darstellen. Sie ändern also nichts Grundsätzliches an den Problemen der lokalen Gesellschaft. Probleme wie Armut, in diesem Fall die Armut der auf die Landwirtschaft angewiesenen ländlichen Bevölkerung, Umweltprobleme oder Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und Kastenzugehörigkeit stellen strukturelle Probleme dar. Diese werden durch die Unterbringung von Kindern in einem Heim nicht gelöst, sondern – so die Argumentation – sogar noch verstärkt. Durch die Heimunterbringung von armen Kindern bzw. Waisenkindern entledigt sich die lokale Gesellschaft von Problemen anstatt sie durch eine Veränderung der Struktur zu lösen. Aus diesem Grund haben viele entwicklungspolitische Organisationen schon in den 70er Jahren aufgehört Kinderheime zu unterstützen.  

Wir sind uns diesem Problem sehr wohl bewusst, gehen jedoch pragmatisch damit um. Es gilt der Satz, dass wir die Kinder nicht sich selbst überlassen wollen. Das Heim wurde gegründet und die Kinder sind vorhanden. Diese nun sich selbst zu überlassen halten wir trotz der berechtigen Kritik für unverantwortlich. Wir sehen das Heim auch nicht als eine Versorgungseinrichtung für gesellschaftliche Probleme. Wir wollen den Kindern einen erfolgreichen Start ins Leben ermöglichen (siehe entwicklungspolitische Vision). An diesem Punkt hebeln wir auch das Argument der strukturellen Probleme zum Teil aus. Es stellt unserer Meinung nach sehr wohl eine strukturelle Änderung dar, wenn Kinder der untersten Schicht eine verhältnismäßig gute Bildung erhalten und dann hoffentlich in der Lage sein werden, ihr Leben selbständig und erfolgreich zu gestalten.   

Für uns spricht noch ein weiterer wichtiger Punkt für die Unterstützung dieses Kinderheimes. Wir hoffen, unser Engagement über das Heim hinaus auf die umliegenden Dörfer ausweiten zu können. Ziel dieses Vorhabens wäre es, ganz gezielt strukturelle Probleme anzugehen, damit weniger Kinder aus Armutsgründen die Familien verlassen müssen. Für eine derartige Arbeit in den Dörfern ist es jedoch wichtig, dass Vertrauen geschaffen wird. Durch unser Engagement für das Kinderheim hat act!orissa e.V. in den umliegenden Dörfern innerhalb kurzer Zeit einen ausgesprochen guten Ruf erworben. Die Menschen sehen, dass etwas geschieht und betrachten act!orissa e.V. als verlässlichen Partner. In diesem Sinne sehen wir das Kinderheim als unsere Basis, um langfristig in der Region Fuß zu fassen.

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